Page 11 - Saarländisches Ärzteblatt, August-Ausgabe
P. 11

ÄR Z TL I CHE  FO R TB I L D U N G




      Der interessante Fall                                                                                         FOR TBILDUNG
      War es Corona?


      Kasuistik zweier pädiatrischer Patienten mit Kawasaki-Syndrom

      Seit Ende des Jahres 2019 ein neuartiges Coronavirus, welches   Ver schlechterung  des  Allgemeinzustandes  mit  abdomineller
      SARS-ähnliche Symptome verursachen solle, in Wuhan, China  Distension,  Ileus  und  Erbrechen  sowie  weiterhin  Fieber  bis
      isoliert und beschrieben wurde, hält die Welt im Angesicht der  40  Grad  Celsius.  Die  Computertomographie  des  Abdomens
      Corona-Pandemie  den  Atem  an.  Nahm  man  anfänglich  in  zeigte  eine  Begleitappendizitis,  welche  wir  jedoch  nicht  als
      Fachkreisen an, Kinder seien durch SARS-CoV-2 kaum sympto- Ursache des Krankheitsbildes werteten. Der Patient entwickelte
      matisch betroffen, so verdichteten sich mit Fortschreiten der  dann zunehmende Schwellungen der Hände und Füße, dezente
      Pandemie in Europa und Nordamerika die Hinweise auf einen  Pleuraergüße,  intraabdominelle  freie  Flüssigkeit  und  einen
      möglichen Zusammenhang mit einer Zunahme von schweren,  dezenten Perikarderguß. Echokardiographisch waren zu diesem
      Kawasaki-ähnlichen  Syndromen  bei  Kindern.  Die  klinische  Zeitpunkt keine weiteren Auffälligkeiten nachweisbar. An der
      Entität wurde mit dem Akronym PIMS (Pediatric Inflammatory  Glans Penis zeigten sich ebenso wie an den Lippen nun erosive
      Multisystem Syndrome) oder auch MIS-C (Multisystem Inflam- Veränderungen. Bei zunehmender Ödembildung erfolgte eben-
      ma tory Syndrome in Children) benannt, um die Wahrnehmung  falls eine kurzfristige echokardiographische Kontrolle, welche
      der Fachwelt zu schärfen.                            eine  Zunahme  des  weiterhin  nicht  punktionswürdigen  Peri-
                                                           kardergusses zeigte bei nun prominenten Koronararterien und
     Auch  wir  betreuten  an  unserer  Klinik  im  Frühjahr  zwei  am  Insuffizienzen  aller  Herzklappen,  woraufhin  sofort  eine  The-
      Kawasaki-Syndrom  erkrankte  Kinder,  bei  denen  wir  den  rapie mit intravenösen Immunglobulinen und ASS begonnen
      Zusammenhang mit SARS-CoV-2 vermuten. Beide Kinder hat- wurde.  Bei  im  Verlauf  weiterer  Zunahme  der  Koronar arte-
      ten  eine  negative  Anamnese  hinsichtlich  SARS-CoV-2-Expo- rienektasie erhielt unser Patient ebenfalls Prednisolon. Er ent-
      sition, die durchgeführte PCR-Testung war jeweils negativ.   fieberte daraufhin zügig, der Allgemeinzustand besserte sich
                                                           schnell  und  sämtliche  Ödeme  und  Ergussbildungen  waren
      Casus 1                                              schnell rückläufig. Die Stuhlentleerung kam nun langsam in
      Der 4-jährige Junge kam mit seit 2 Tagen bestehendem Fieber  Gang und der Appetit besserte sich. Laborchemisch waren die
      bis über 40 Grad Celsius sowie Bauchschmerzen, Erbrechen  Entzündungsparameter  sowie  die  Transaminasenerhöhung
      und einmaligem Durchfall zur Aufnahme. Die Mutter berichtete  rückläufig.  Echokardiographisch  entwickelten  sich  die  Klap-
      über eine seit mehreren Wochen bestehende Appetitlosigkeit  peninsuffizienzen zügig zurück, eine Einschränkung der links-
      und Obstipationsneigung sowie Bauchschmerzen. Sonst sei das  ventrikulären Kontraktilität zeigte sich nie. Allerdings kam es
      Kind gesund, auch in der Familie gebe es keine chronischen  zur Entwicklung eines kleinen Aneurymas des linkskoronaren
      Erkrankungen.  Ein  bewusster  Kontakt  zu  einem  mit  SARS- Hauptstammes mit Koronarektasie der LAD, welches sich auch
      CoV-2 infizierten Menschen wird klar verneint, die Abstands- im extern durchgeführten Herzkatheter bestätigte.
      regelungen  seien  konsequent  eingehalten  worden.  Klinisch
      zeigte  sich  bei  ethnisch  dunklem  Hautkolorit  ein  blass-rötli - Casus 2
      ches,  konfluierendes  Exanthem.  Zervikal  beidseits  war  eine  Zur  Aufnahme  stellte  sich  ein  5  Monate  alter  weiblicher
      deutliche Lymphadenopathie palpabel. Das Abdomen war aus- Säugling mit seit dem Morgen bestehendem Fieber bis 39 Grad
      ladend mit nur spärlichen Darmgeräuschen und sonographisch  Celsius sowie leichter Rhinitis ohne Husten, Erbrechen oder
      stuhl- und flüssigkeitsgefüllten Darmschlingen. Laborchemisch  Diarrhö in leicht reduziertem Allgemeinzustand vor. Es zeigte
      zeigte sich ein deutlich erhöhter CrP-Wert von 93,6 mg/l bei  sich beidseits eine nicht-purulente Konjunktivitis. Bei auffälli-
      nur minimaler Leukozytose von 12,3/nl mit Neutrophilie von  gem  Urinstatus  wurde  eine  Mikrobiologie  mittels  Einmal-
      81,2 %. Auffallend waren die deutliche Leberwerterhöhung (GOT  katheterurin gewonnen und zeigte E.coli in relevanter Keimzahl,
     292 U/l, GPT 209 U/l, Gamma-GT 184 U/l, Bilirubin 2,7 mg/dl)  die  antibiotische  Therapie  wurde  zunächst  empirisch,  dann
      sowie sonographisch ein Gallenblasenhydrops bei Hepato me- resistogrammgerecht mit Ampicillin/Sulbactam durchgeführt.
      galie  mit  unauffälliger  Leberarchitektur.  Die  durchgeführte  Am zweiten Tag entwickelte das Mädchen ein feinfleckiges, teils
      SARS-CoV-2 PCR im Rachenabstrich war beim Patienten sowie  auch urtikariell anmutendes Exanthem vorwiegend am Rücken.
      der Begleitperson negativ. Virushepatitiden konnten als Ur  sa- Die Konjunktivitis war zunächst progredient, im Verlauf dann
      che  der  Erkrankung  ausgeschlossen  werden,  auch  für  eine  rückläufig, es kam jedoch zu Rötung von Lippen und Zunge
      akute Appendizitis gab es trotz abdomineller Beschwerden kei- sowie zunehmenden Ödemen der Beine und einem neu aufge-
      nen klaren Hinweis. Bei unklarem Fokus und nachgewiesener  tretenen  Systolikum.  Das  Exanthem  war  in  den  folgenden
      Leukozyturie sowie steigendem CrP wurde zunächst eine anti- Tagen  stets  wechselnd  bei  immer  wieder  hohem  Fieber  bis
      biotische Therapie mit Cefuroxim begonnen, welche im Verlauf  39  Grad  Celsius  unter  resistogrammgerechter  antibiotischer
      bei  klar  abdomineller  Symptomatik  auf  Piperacillin/Tazoba c- Therapie.  Virale  Ursachen  wie  CMV,  EBV,  Masern  und  Par-  11
      tam  umgestellt  wurde.  Hierunter  kam  es  zu  einer  weiteren  vovirus  B19  konnten  laborchemisch  ausgeschlossen  werden.


                                                                                Saarländisches Ärzteblatt   n  Ausgabe 8/2020
   6   7   8   9   10   11   12   13   14   15   16