Page 11 - Saarländisches Ärzteblatt, Januar-Ausgabe 2020
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aus w i ss e n sc h af t u n d f o r sc h u n g

Abbildung 5                                                    im Hinblick auf eine geringere Strahlenbelastung (< 1mSv) und
                                                               einen geringeren Kontrastmittelverbrauch (ca. 50 ml). Mittler­
chen bzw. aufwiegen. Einer „number needed to treat“ von 154    weile liegen auch überzeugende Daten im Hinblick auf die pro­
steht eine „number needed to harm” von 166 gegenüber. Ein      gnostische Wertigkeit der CT-Untersuchung vor. Vor allem die
weiteres Argument ist die Frage, wie viele Patienten unter     5-Jahresdaten der SCOT-Heart Studie, die eine prognostische
Alltagsbedingungen überhaupt für eine Behandlung gemäß der     Wertigkeit der CCTA im Vergleich mit dem diagnostischen
Einschlusskriterien der COMPASS-Studie in Frage kommen.        Standard (Ergometrie) verglich, belegen einen Vorteil für die
Dänische Registerdaten zeigen, dass ein großer Teil der unter  CT-Angiographie. Der Unterschied ging in allererster Linie dar­
täglichen Praxisbedingungen behandelten Patienten diese        auf zurück, dass die CCTA-Patienten weniger nicht-tödliche
Kriterien nicht erfüllen und daher nicht gemäß COMPASS         Myokardinfarkte erlitten. Auch wurden in der CCTA-Gruppe
behandelt werden können.                                       frühzeitig mehr sekundärpräventive und auch mehr anti­
                                                               anginöse Medikamente verordnet. In Großbritannien hat das
Abschließendes Fazit:                                          National Institute for Clinical Excellence (NICE) die CT-Angio­
eine differenzierte Auswahl in Frage kommender Patienten auf   graphie kürzlich deutlich aufgewertet. Sie hat nun den Rang
dem Boden des individuellen kardiovaskulären Risikos (je       der KHK-Erstliniendiagnostik, vor anderen nicht-invasiven
höher das Risiko, desto höher der potentielle Nutzen) scheint  Tests. In seiner Zusammenfassung schlussfolgerte Jochum, dass
zum aktuellen Zeitpunkt ein pragmatischer Ansatz zu sein       bei Verdacht auf KHK zur Diagnostik in erster Linie das
(Abbildung 5). Mögliche unerwünschte Wirkungen – insbeson­     Kardio-CT durchgeführt werden könnte.
dere Blutungskomplikationen – müssen vor Beginn einer
Behandlung mit den Patienten ausführlich erörtert werden.      Contra (Felix Mahfoud):
                                                               Zentraler Punkt bei der Entscheidung für oder wider die CCTA,
                                                               so führte Felix Mahfoud aus, ist die Vortestwahrscheinlichkeit
                                                               für eine KHK. Insbesondere nur bei einer intermediären
                                                               Vortestwahrscheinlichkeit besitze die CTTA ihre höchste diag­
                                                               nostische Genauigkeit. Anhand verschiedener Studiendaten
                                                               legte er dar, dass die CCTA gegenüber herkömmlichen Stress­
                                                               tests, insbesondere der Stressechokardiographie, vor allem im
                                                               Hinblick auf eine Verhinderung von Ereignissen nicht von
                                                               Vorteil sei. So konnte eine Studie an einem Hochrisikokollektiv
                                                               von Diabetikern keine Ereignisreduktion durch die CCTA bele­
                                                               gen. Lediglich bei Vorliegen einer typischen Angina pectoris
                                                               konnten durch den Einsatz der CCTA kardiovaskuläre Ereig­
                                                               nisse reduziert werden. Anhand eines exemplarischen Fall­
                                                               beispiels aus der eigenen Klinik demonstrierte Mahfoud die
                                                               Limitation der diagnostischen Aussagekraft der CCTA.

Pro und Contra Diskussion: „Verdacht auf KHK –                 Abschließendes Fazit:
Diagnostik nur noch mit Cardio-CT!“
                                                               Eine Katheteruntersuchung sollte dann erfolgen, wenn eine

                                                               sehr hohe Wahrscheinlichkeit (>85%) für eine KHK vorliegt

Die kardiale Computertomographie stellt ein seit Jahren auch oder wenn die Untersuchung auf Grund einer hohen Kalklast

in kardiologischen Abteilungen zunehmend etabliertes diagnos­ bzw. von Herzrhythmusstörungen nicht durchgeführt werden

tisches Verfahren dar. Getrieben durch den technischen Fort­ kann. Für eine hohe diagnostische Qualität der kardialen

schritt kann inzwischen mit der schnittbildbasierten Diagnostik CT-Untersuchung ist eine hohe prozedurale Qualität und eine

des Herzens eine Bildqualität erreicht werden, die die CT zu exzellente Bildqualität sowie eine hohe Expertise des Unter­

einer für die Kardiologie wertvollen diagnostischen Methode suchers eine unabdingbare Grundvoraussetzung.

macht. Die kardiale CT-Angiographie (CCTA) ermöglicht auch
die Bildgebung der Koronarien mit sehr hoher Genauigkeit. Es Pro und Contra Diskussion: „Die hochgradige
stellt sich daher die Frage, welcher Stellenwert dieser Methode sekundäre Mitralinsuffizienz muss geclippt werden!“

zum Nachweis einer KHK eingeräumt werden sollte. Lorenz

Jochum aus dem Herzzentrum Saar und Felix Mahfoud aus der Bei der Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer

Uniklinik in Homburg beleuchteten diese Thematik in Ihrer Ejektionsfraktion (HFrEF) kommt es zu einer Dilatation des

Pro- und Contra-Debatte.                                       Mitralklappenringes und einer Verlagerung der Papillarmuskeln,

                                                               die zur Malkoaptation und Restriktion der morphologisch intak­

Pro (Lorenz Jochum):                                           ten Mitralsegel und damit zur sekundären (funktionellen)           11

Die kardiale CT bietet gegenüber der invasiven Koronar­ Mitralinsuffizienz führen. Eine hochgradige sekundäre Mitral­

angiographie einige prozedurale bzw. technische Vorteile etwa insuffizienz verschlechtert die Prognose einer HFrEF signifi­

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