Page 9 - Saarländisches Ärzteblatt, Januar-Ausgabe 2020
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aus w i ss e n sc h af t u n d f o r sc h u n g

Kardiovaskuläre Komplikationen                                    infiltrative Kardiomyopathie, ähnelt einer hypertensiven Herz­
onkologischer Therapien                                           erkrankung bzw. einer hypertrophen Kardiomyopathie und
                                                                  wird daher nicht bzw. oft falsch diagnostiziert. Die mittlere
Ein Thema, welches zunehmend in den Blickpunkt kardiologi­        Überlebenszeit dieser Kardiomyopathie liegt bei etwa 2 – 3
scher Diagnostik und Therapie gerät, sind kardiovaskuläre         Jahren. Özbek führte aus, dass allein im Saarland jährlich bei
Effekte und Nebenwirkungen onkologischer Therapien. Wie           bis zu 60 Patienten eine ATTR Amyloidose diagnostiziert wird.
Yvonne Bewarder aus der Uniklinik in Homburg in Ihrem Vor­        Neben der Echokardiographie stellt ein Knochenszintigramm
trag berichtete, können viele der altbekannten Chemo­thera­       mit 99m-Technetium zum Nachweis von TTR-Amyloid eine
peutika wie auch der neuen, v. a. zielgerichteten, molekularen    wesentliche nicht-invasive diagnostische Methode dar (Ab­b­ il­
onkologischen Wirkstoffe akute oder verzögert auftretende         dung 3). Neu ist, dass mit der Substanz Tafamidis eine wir­
k­ ardiovaskuläre Nebenwirkungen wie arterielle Hypertonie,       kungsvolle medikamentöse Therapie zur Behandlung der
Kardiom­ yopathien oder auch eine KHK verursachen. Neue           Transthyretin Amyloidose (ATTR) des Herzens verfügbar ist. In
hocheffektive Wirkstoffe wie Immuncheckpoint-Inhibitoren          der 2018 publizierten ATTR-ACT-Studie wurde die Sicherheit
können eine autoimmunvermittelte lymphozytäre Myokarditis         und Wirksamkeit von Tafamidis im Vergleich zu Placebo an
verursachen. Essentiell ist daher eine enge Kooperation zwi­      441 Patienten mit entweder hereditärer oder erworbener
schen behandelnden Onkologen und Kardiologen, um durch ein        Transthyretin-Amyloid-Kardiomyopathie und Herzinsuffizienz
kardiologisches Monitoring mittels Echokardiographie und          untersucht. Tafamidis reduzierte signifikant die Gesamtm­ orta­
Biomarkern eine Kardiotoxizität frühzeitig zu erkennen und        lität im Vergleich zu Placebo und reduzierte die Anzahl kardio­
frühzeitig eine medikamentöse Behandlung einzuleiten. Eine        vaskulär bedingter Krankenhausaufenthalte.
US-amerikanische Studie zeigt, dass bei mit Anthrazyklinen
behandelten Frauen durch eine präventive Behandlung mit
dem Betablocker Carvedilol und dem ACE-Hemmer Lisinopril
die potentielle Kardiotoxizität dieser Substanz signifikant ver­
mindert werden konnte. Ein Marker für eine potentielle
Kardiotoxizität einer Chemotherapie ist der „Globale longitudi­
nale Strain (GLS)“, ein echokardiographischer Parameter, der
die Gesamtverformung des linksventrikulären Myokards reprä­
sentiert und mit der Ejektionsfraktion korreliert aber trotzdem
frühzeitiger und sensitiver eine myokardiale Funktionsstörung
anzeigt. Eine Abnahme des GLS um mehr als 10 – 15 % wäh­
rend der Chemotherapie gilt als sehr valider Prädiktor für das
Vorliegen einer Kardiotoxizität (Abbildung 2).

Kardiale Amyloidosen: eine behandelbare
Erkrankung?

Cem Özbek aus dem Herzzentrum Saar in Völklingen beleuch­         Abbildung 3
tete das Spektrum der kardialen Amyloidosen, ein Krank­
heitsbild, welches trotz typischer Warnzeichen immer noch         Offenes Foramen ovale bei kryptogenem
häufig übersehen wird. Insbesondere die familiäre oder senile     Schlaganfall: Welche Patienten brauchen einen
Transthyretin Amyloidose (ATTR) des Herzens, eine progressiv      Schirmverschluss?

                                                                  Das persistierende Foramen ovale (PFO) stellt eine potentielle   9
                                                                  Quelle paradoxer Embolien dar. Insbesondere ist eine relevante
Abbildung 2                                                       Anzahl sog. kryptogener ischämischer Schlaganfälle auf ein
                                                                  PFO zurückzuführen. Ausführlich beleuchtete Erik Friedrich
                                                                  aus dem Marienhausklinikum in Saarlouis die Pathophysiologie
                                                                  und die Datenlage zur Bedeutung des PFO für hirnischämische
                                                                  Ereignisse. Der sog. perkutane d.h. katheterinterventionelle
                                                                  Verschluss dieses Vorhofseptumdefektes wird bereits seit vie­
                                                                  len Jahren durchgeführt und stellt eine technisch einfache und
                                                                  wirkungsvolle Behandlungsmethode zur Vermeidung paradoxer
                                                                  Embolien dar. Die Datenlage aus randomisierten kontrollierten
                                                                  Studien zum Nutzen eines interventionellen PFO Verschlusses,
                                                                  so Friedrich, war jedoch nicht immer eindeutig, da insgesamt

                                                                  Saarländisches Ärzteblatt n Ausgabe 1/2020
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