Page 3 - Saarländisches Ärzteblatt, Oktober 2026
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EDITORIAL




                                Sehr geehrte Frau Kollegin,
                                sehr geehrter Herr Kollege,

                                wir sprechen in unserem Berufsstand oft und viel über Verantwortung. Ärztinnen und Ärzte tra­
                                gen Verantwortung für ihre Patientinnen und Patienten, für die Qualität ihrer Entscheidungen und
                                auch für die Zukunft unseres Gesundheitswesens. Gleichzeitig erleben wir einen zunehmenden
                                Wandel  unseres  beruflichen  Umfelds:  mehr  Vorgaben,  mehr  Dokumentation,  mehr  Kontrollen,
                                mehr Nachweise.

                                Vieles davon ist gut gemeint und manches zweifellos notwendig. Qualität muss gesichert, Fehler
                                müssen vermieden und Patientinnen und Patienten müssen geschützt werden. Aber irgendwann
                                stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie viel Kontrolle und Regulierung verträgt ärztliche Ver ant­
                                wortung? Denn Verantwortung und Freiheit gehören zusammen.

                                Wer  Ärztinnen  und  Ärzten  die  Verantwortung  für  eine  individuelle  medizinische  Entscheidung
                                überträgt, muss ihnen auch den notwendigen Handlungsspielraum lassen. Medizin ist keine stan­
                                dardisierte  Produktionsleistung.  Jeder  Mensch  bringt  seine  eigene  Krankengeschichte,  seine

                                Lebens umstände, seine Erwartungen und seine Ängste mit. Leitlinien sind zwar unverzichtbare
                                Orientierung, sie können aber niemals das ärztliche Gespräch, die klinische Erfahrung oder die
                                gemeinsame Entscheidung mit dem Patienten ersetzen.

                                Gerade in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz und digitale Systeme immer stärker in die Medizin
                                Einzug halten, wird diese Frage noch wichtiger. Algorithmen können große Datenmengen analysie­
                                ren, Wahrscheinlichkeiten berechnen und uns bei Entscheidungen unterstützen. Sie können aber
                                nicht die Verantwortung für einen Menschen übernehmen.

                                Die Medizin wird digitaler werden. Das ärztliche Verantwortungsbewusstsein muss aber analog
                                bleiben. Dazu gehört auch, dass wir über die zunehmende Bürokratie sprechen. Jede zusätzliche
                                Dokumentationspflicht erscheint für sich genommen vielleicht sinnvoll. Die Frage, ob eine Rege­
                                lung eventuell sinnvoll ist, ist ein wichtiger, aber nur ein Aspekt. Was kostet sie an ärztlicher Zeit –
                                und was könnte in dieser Zeit für unsere Patientinnen und Patienten geleistet werden? Das ist der
                                wichtigere  Gesichtspunkt.  Ärztliche  Zeit  ist  keine  beliebige  Ressource  und  sie  ist  ein  zentraler
                                Bestandteil guter Medizin.

                                Das gilt auch für die ärztliche Selbstverwaltung. Sie ist nicht bloß ein historisches Relikt und schon
                                gar  kein  bürokratischer  Selbstzweck.  Sie  ist  Ausdruck  eines  wichtigen  Prinzips:  Medizinische
                                Fragen sollten in wesentlichen Teilen von denjenigen mitgestaltet werden, die täglich medizinische
                                Verantwortung tragen.

                                Selbstverwaltung bedeutet dabei nicht, dass wir uns staatlicher Verantwortung entziehen wollen.
                                Im Gegenteil. Wir wollen Verantwortung übernehmen. Aber Verantwortung funktioniert am bes­
                                ten dort, wo Expertise, Erfahrung und Entscheidungskompetenz zusammenkommen.

                                Deshalb müssen wir als Ärzteschaft auch selbstbewusst formulieren, was wir brauchen: verlässli­
                                che Rahmenbedingungen, weniger unnötige Bürokratie, eine angemessene Finanzierung der Ver­
                                sor gung und vor allem Vertrauen in unsere professionelle Kompetenz.


                                Mit kollegialen Grüßen
                                Ihr




                                Markus Strauß
                                Präsident                                                                           3



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