Page 3 - Saarländisches Ärzteblatt, März 2026
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EDITORIAL




                                Liebe Kolleginnen und Kollegen,

                                42 Tage Wartezeit auf einen Facharzttermin? Kaum stand diese Zahl aus dem Gesundheits minis-
                                terium  –  auf  parlamentarische  Anfrage  der  Linken  –  vor  einigen  Wochen  im  Raum,  kochte die
                                Debatte über unser angeblich marodes Gesundheitssystem wieder hoch.
                                Wer  es  wagt,  solche  Aussagen  einem  Realitätscheck  zu  unterziehen  oder  die  Statistik  zu  hinter-
                                fragen, steht schnell als unsensibel oder realitätsfern da – ob im Familienkreis oder in der öffent­
                                lichen  Diskussion.  Wehe  man  zieht  zum  Beispiel  internationale  Zahlen  zum  Vergleich  heran.
                                       l
                                Deutsch  and gehört demnach zu den Ländern mit den kürzesten Wartezeiten. Aber warum ist das
                                eigentlich so?

                                Die Aufregung über „zu lange Wartezeiten“ ist deshalb so heftig, weil sie gleich mehrere emotio-
                                nale  Punkte  trifft:  persönliche  Erfahrungen,  Gerechtigkeitsgefühl,  Zukunftsängste  und  nicht
                                zuletzt das Vertrauen in die Politik als Garant eines allumfassend leistenden Gesundheitssystems.
                                Wer  einmal  subjektiv  lange  gewartet  hat,  macht  daraus  schnell  eine  allgemeingültige  Wahrheit.
                                Und genau dieses „gefühlte Wissen“ wird von Akteuren in der Gesundheitspolitik nur allzu gern
                                instrumentalisiert,  denn  die  Thematik  eignet  sich  hervorragend  für  politische  Profilierung.  Par­
                                teien können sich als Anwälte der Patientinnen und Patienten inszenieren, ohne sich mit den kom-
                                plexen Strukturen des Gesundheitssystems auseinandersetzen zu müssen. Schlagworte, oftmals
                                auch Phrasen, reichen – differenzierte Analysen sind eher zu komplex und hinderlich.

                                Dabei bestreitet niemand, dass unser Gesundheitssystem Reformbedarf hat. Was wir jedoch nicht
                                brauchen,  ist  eine  Debatte,  die  mit  Klischees  über  golfspielende  Ärzte  arbeitet,  reflexhaft  nach
                                finanziellen  Einschnitten  ruft  oder  immer  neue  bürokratische  Regulierungen  fordert,  ohne  die
                                Ursachen zu verstehen zu wollen.

                                Vielleicht wäre es sinnvoller, weniger über absolute Wartetage zu sprechen – und mehr über intel-
                                ligente Versorgungssteuerung mit flexibler Budgetierung, echte Digitalisierung und die Frage, wie
                                wir die Gesundheitsberufe wieder attraktiver machen oder mehr Ärztinnen und Ärzte ausbilden.
                                Denn genau das entscheidet, ob Wartezeiten sinken oder weiter steigen.

                                Die neue „FinanzKommission Gesundheit“ der Bundesregierung will Ende März erste Ergebnisse
                                ihrer  Arbeit  vorlegen,  um  die  finanzielle  Stabilität  der  gesetzlichen  Krankenversicherung  zu  ge ­
                                währleisten. Die paritätisch besetzte Expertenrunde soll – so das Versprechen – frei von politi-
                                scher  Einflussnahme  arbeiten  und  sowohl  Einnahmen  und  Ausgaben  der  GKV  als  auch  die
                                Versorgungsstrukturen grundlegend prüfen. Ein hoher Anspruch, der in der politischen Realität
                                selten vollständig einzulösen ist. Sicher ist nur: Der Reformdruck ist enorm und steigt stetig. Die
                                Erwartungen sind hoch, den gordischen Knoten des GKV-Systems zu lösen, denn auch die Zeit, in
                                der man die Strukturen mit kurzfristigen Notmaßnahmen stabilisieren könnte, läuft ab.



                                Mit kollegialen Grüßen
                                Ihr




                                Markus Strauß
                                Präsident







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