Page 8 - Saarländisches Ärzteblatt, März 2026
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FOR TBILDUNG  Off-label, aber spannend, wirksam und
                             ÄR Z TLICHE FORTBILDUNG






           im Saarland entdeckt




           Azelastin ist ein Antihistaminikum der 2. Generation, das   COVID­19  ausgesetzt  sind.  In  der  Zulassungsstudie  für  Sipa­
           rezeptfrei  erhältlich  ist  und  eigentlich  keinen  Artikel  wert   vibart findet man als Angabe zur Wirksamkeit eine 29.9%ige
           wäre, gäbe es nicht die vor wenigen Monaten in JAMA Internal   Risikoreduktion  (95%  CI:  13.4  ­ 43.3) für eine COVID­19
           Medicine  veröffentlichte  prospektiv­randomisierte  Studie  –  Infektion über 181 Tage [5]. Der gemeinsame Bundes aus-
           aus dem Saarland [1].                                schuss hat mit Beschluss vom 7. August 2025 festgestellt,
           Neben  den  anti­allergischen  und  anti­inflammatorischen   dass ein Zusatznutzen für Sipavibart nicht belegt ist.
           Wirkungen von Azelastin wurde kürzlich seine antivirale   Man hätte sich gewünscht, dass auch  immungeschwächte
           Wirkung gegen SARS­CoV2, RSV, Influenza und weitere Er  re­  und ältere Patienten in der saarländischen Studie untersucht
           ger von Infektionen des Respirationstraktes in vitro beschrie-  worden wären. Ehrlicherweise ist es aber schon erstaunlich,
           ben [2-4]. Ob dies bedeutet, dass Azelastin auch gegen diese   dass es der CONTAIN Study Group überhaupt möglich gewe-
           Virusinfektionen beim Menschen wirksam ist, haben Prof.  sen ist, für ein „Alt-Arzneimittel“ diese Studie durchzuführen.
           Thorsten Lehr, Universität des Saarlandes, Prof. Robert Bals,
           Klinik für Innere Medizin V, Universität des Saarlands, und   Literatur:
           die  CONTAIN  Study  Group  in  einer  prospektiv­randomisier- 1.  Lehr, T., et al., Azelastine Nasal Spray for Prevention of
           ten  Studie  untersucht.  Konkret  sollte  ermittelt  werden,  ob   SARS­CoV­2 Infections: A Phase 2 Randomized Clinical Trial.
           die prophylaktische Anwendung von Azelastin Nasenspray   JAMA Intern Med, 2025. 185(11): p. 1309–1317.
           das  Risiko  einer  COVID  Infektion  reduziert.  450  gesunde  2.  Ge,  S.,  et  al.,  Azelastine  inhibits  viropexis  of  SARS­CoV­2
           Erwachsene (18-65 Jahre) wurden randomisiert und erhielten   spike  pseudovirus  by  binding  to  SARS­CoV­2  entry  recep-
           entweder  Placebo,  oder  Azelastin  Nasenspray  (0,1%,  Ursa-  tor ACE2. Virology, 2021. 560: p. 110–115.
           pharm) dreimal täglich für 56 Tage. Nasenabstriche und   3.  Konrat, R., et al., The Anti­Histamine Azelastine, Identified
           SARS­CoV­2 Antigentests wurden zweimal pro Woche durch-  by Computational Drug Repurposing, Inhibits Infection by
           geführt, symptomatische Probanden wurden mit Multiplex-  Major Variants of SARS­CoV­2 in Cell Cultures and Re  con­
           PCR auf verschiedenste Viren untersucht.               stituted Human Nasal Tissue. Front Pharmacol, 2022. 13:
           Bei  prophylaktischer  Anwendung  von  Azelastin  intranasal   p. 861295.
           war  die  Häufigkeit  von  SARS­CoV­2  Infektionen  mit  2,2%  vs.  4.  Fischhuber,  K.,  et  al.,  Antiviral  Potential  of  Azelastine
           6.7%  bei  Placebo  signifikant  geringer  [OR  0,31;  95%  CI  0,11­  against Major Respiratory Viruses. Viruses, 2023. 15(12).
           0,87]. Die Anzahl symptomatischer Infektionen wurde signifi-  5.  Haidar, G., et al., Efficacy and safety of sipavibart for pre-
           kant verringert (21 von 227 vs. 49 von 233 Probanden), wie   vention  of  COVID­19  in  individuals  who  are  immunocom-
           auch  die  Häufigkeit  PCR­bestätigter  Rhinovirus­Infektionen   promised  (SUPERNOVA):  a  randomised,  controlled,  dou-
           (1,8% vs. 6,3%). Dies spricht für eine Schutzwirkung von präe-  ble­blind,  phase  3  trial.  Lancet  Infect  Dis,  2025.  25(7):
           expositionellem  intranasalen  Azelastin  gegen  COVID­19   p. 813–826.
           Infek tionen.
           Während monoklonale Antikörper  wie  das in den USA für
           immungeschwächte Menschen zur Präexpositionsprophylaxe   Korrespondenzadresse:
           der COVID­Infektion zugelassene Pemivibart gegen die neue-  Prof. Dr. Daniel Grandt
           rer SARS­CoV­2 Virusvarianten schlechter wirksam sind, wirkt  Koordinator der S2k-Leitlinie
           Azelastin – zumindest in vitro – auch gegen diese gleicherma-  Arzneimitteltherapie
           ßen gut. Pemivibart ist in Europa nicht zugelassen, aber seit  bei Multimorbidität
           Januar 2025 – ebenfalls zur Präexpositionsprophylaxe für  email@danielgrandt.de                         Foto: Klinikum Saarbrücken
           immungeschwächte Patienten – der monoklonale Antikörper
           Sipavibart, der fast 2.400 Euro pro 300 mg Dosis kostet. Ge -
           mäß COVID­19­Vorsorgeverordnung § 2 besteht ein An  spruch
           auf  Versorgung  mit  verschreibungspflichtigen  Arzneimitteln
           zur  Präexpositionsprophylaxe  gegen  COVID­19  zulasten  der                          Prof. Dr. Daniel Grandt
           GKV nur für Versicherte, wenn bei ihnen aus medizinischen
           Gründen kein oder kein ausreichender Immunschutz gegen   Fortbildungsreihe im Saarländischen Ärzteblatt
           eine  Erkrankung  an  COVID­19  durch  eine  Schutzimpfung   Prof. Dr. Daniel Grandt veröffentlicht im Saarländischen
           erzielt werden kann oder bei ihnen Schutzimpfungen gegen   Ärzteblatt  monatlich  einen  Artikel  zum  Thema  „Neue
           das Coronavirus SARS­CoV­2 aufgrund einer Kontraindikation
    8      nicht durchgeführt werden können und sie einem erhöhten   Entwicklungen  in  der  Arzneimitteltherapie  mit  Relevanz
           Risiko  für  einen  schweren  Verlauf  einer  Erkrankung  an   für die medizinische Praxis“.

           Saarländisches Ärzteblatt     Ausgabe 3/2026
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