Page 20 - Saarländisches Ärzteblatt, Oktober 2026
P. 20

FOR TBILDUNG  Thermopharmakologische Frailty
                             ÄR Z TLICHE FORTBILDUNG









           Eine im August 2026 in Nature Health publizierte Studie zu   Die  Verringerung  der  Nierendurchblutung  durch  ACE­
           den Auswirkungen der Hitzewelle 2025 in den USA zeigt, dass   Hemmer  /  ARB  und  NSAR  begünstigt  per  se  und  insbeson­
           8  –  9  %  der  Vorstellungen  in  den  Notaufnahmen  der  Kran­  dere  in  Kombination  mit  hitzebedingter  Dehydratation  das
           kenhäuser in 19 Bundesstaaten (n = 8.169.637) hitzebedingt  Auftreten  eines  Nierenversagens.  Anticholinergika  erhöhen
           waren  [1]. In derselben Ausgabe der  Zeitschrift wird durch   die  Körpertemperatur  durch  schweißhemmende  Wirkung,
           eine  Studie  die  mortalitätssenkende  Wirkung  von  Klima­  Antipsychotika und  SSRI beeinträchtigen die hypothalami­
           anlagen  im  Haushalt  belegt.  Die  Autoren  kalkulieren,  dass   sche Thermoregulation, Sympathomimetika und Schild drü­
           diese in den USA jährlich 5.267 hitzebedingte Todesfälle ver­  sen hormone steigern die endogene Wärmeproduktion, wäh­
           hindern  [2].  Da  die  Installation  einer  Klimaanlage  für  die   rend Betablocker und Diuretika zu verminderter Hautdurch­
           meisten  unserer  Patienten  keine  umsetzbare Lösung  ist  –  blutung  bzw.  Volumenmangel  führen  –  was  zusätzlich  die
           und zudem der Betrieb der Klimaanlagen weltweit für 2 – 3%  Toxizität von Digoxin und Lithium erhöht.
           und damit für fast so viele CO ­Emissionen verantwortlich ist   Es gibt also gute Gründe, die Medikation, insbesondere bei
                                    2
           wie  der  gesamte  Flugverkehr  –  ist  vorausschauendes  Medi­  Risikopatienten, vor Hitzeperioden zu prüfen und ggf. anzu­
           ka    tions management eine sinnvolle Option.        passen. Das gerade abgeschlossene vom Innovationsfonds
           Eine Studie mit über 9.700 mindestens 65­jährigen Patienten   geförderte Forschungsprojekt ADAPT HEAT hat unter Konsor­
           mit chronischen Erkrankungen zeigt,  dass hitzesensibilisie­  tialführung  des  Instituts  für  Allgemeinmedizin  am  Univer­
           rende Medikamente wie Diuretika, Anticholinergika, Antipsy­  sitätsklinikum Köln evidenzbasierte Handlungsempfehlungen
           cho tika,  Betablocker  und  Antihypertensiva  das  Risiko  hitze­  zur hitzesensiblen Medikationsanpassung entwickelt und in
           bedingter Hospitalisierungen um 16 – 37 % erhöhten [3]. Ein   einem  mehrstufigen  Delphi  Verfahren  konsentiert.  Das
           aktuelles Editorial im Juli 2026 im European Journal of   Ergebnis ist die CALOR Liste mit 27 Wirkstoffklassen und 71
           Internal Medicine prägt den Begriff „thermopharmacological   Anpassungsstrategien zur Vermeidung hitzebedingter uner­

           frailty” für einen dynamischen Zustand, bei dem Umgebungs­  wünschter Ereignisse. Die nächste Hitzewelle kommt be stimmt:
           hitze das Nutzen­Risiko­Verhältnis chronischer Medikation,  Die  CALOR­Liste  ist  unter  https://www.mhh.de/allpallmed/
           insbesondere bei Patienten mit prädisponierenden Faktoren,  adapt­heat im Internet verfügbar.
           verändert [4]. Eine vorausschauende Risikoprüfung der Medi­
           kation bei vulnerablen Patienten, die Information der Patien­  Literatur:
                                                                1.  Nori­Sarma,  A.,  et  al.,  Impact  of  the  summer  2025  heatwaves  on  emer­
           ten über Warnsignale und risikominimierendes Verhal ten bei   gency department visits in the USA.
           Hitze, ein engmaschigeres Monitoring sowie eine temporäre   2. Chu, L., et al., Impact of household air conditioning usage on heat­related
                                                                  mortality in the USA.
           Dosisanpassung von Arzneimitteln sind zu empfehlen.  3. Layton, J.B., et al., Heatwaves, medications, and heat­related hospitaliza­
                                                                  tion  in  older  Medicare  beneficiaries  with  chronic  conditions.  PLoS  One,
                                                                  2020. 15(12): p. e0243665.
           Welche Patienten sind gefährdet?                     4. Epelde, F., Beyond the guidelines: Preventing heatwave­related admissions
           In  einer  Metaanalyse  von  Fall­Kontroll­Studien  waren  die   and decompensations through thermopharmacological frailty. Eur J Intern
                                                                  Med, 2026. 151: p. 107078.
           stärksten  Risikofaktoren  für  Tod  während  Hitzewellen  Bett­  5. Hospers, L., et al., The effect of prescription and over­the­counter medica­
           läge rigkeit (OR 6,4; 95%­KI 4,5–9,2), vorbestehende psychiat­  tions on core temperature in adults during heat stress: a systematic review
                                                                  and meta­analysis. EClinicalMedicine, 2024. 77: p. 102886.
           rische  Erkrankung  (OR  3,6),  und  Unfähigkeit  zur  Selbstver­  6. Tews, L.M., et al., Recognizing and Mitigating the Effects of Medication on
           sorgung  (OR  3,0).  Säuglinge  und  Kleinkinder,  Schwangere   Heat­Related Illness in Older Adults: A Scoping Review. Pharmacy (Basel),
                                                                  2026. 14(3).
           sowie Menschen mit Adipositas sind ebenfalls besonders
           gefährdet. Insbesondere ältere Menschen und Patienten mit
           chronischen Grunderkrankungen haben ein erhöhtes Risiko   Korrespondenzadresse:
           für hitzebedingte Ereignisse.                        Prof. Dr. Daniel Grandt
                                                                Koordinator der S2k-Leitlinie
           Welche Arzneimittel sind besonders risikobehaftet?   Arzneimitteltherapie
           Eine Metaanalyse aus 2024 konnte relevante negative Effekte   bei Multimorbidität                       Foto: Klinikum Saarbrücken
           für stark anticholinerg wirkende Substanzen, nicht­selektive   email@danielgrandt.de
           Betablocker, Adrenalin sowie Anti­Parkinson­Mittel (Bromo­
           criptin, Levodopa/Carbidopa) nachweisen. Für die Beurtei­
           lung vieler anderer Arzneimittel war die Studienlage unzurei­                          Prof. Dr. Daniel Grandt
           chend [5]. Ein Scoping­Review 2026 kommt zu dem Ergebnis,
           dass Diuretika, ACE­Hemmer, ARB, Anticholinergika und Anti­  Fortbildungsreihe im Saarländischen Ärzteblatt
           psychotika  am  häufigsten  mit  hitzebedingter  Schädigung   Prof. Dr. Daniel Grandt veröffentlicht im Saarländischen
           assoziiert sind [6]. Insbesondere ACE­Hemmer, Sartane und   Ärzteblatt  monatlich  einen  Artikel  zum  Thema  „Neue
   20      NSAR können die Nierenfunktion unter Hitzestress weiter   Entwicklungen  in  der  Arzneimitteltherapie  mit  Relevanz
           einschränken.                                          für die medizinische Praxis“.

           Saarländisches Ärzteblatt     Ausgabe 10/2026
   15   16   17   18   19   20   21   22   23   24   25